Bericht: Hasnain Kazim zu Gast am IKG

Hass verbieten?
Meinungen aushalten?
Hasnain Kazim am Immanuel-Kant-Gymnasium


Hasnain Kazim,
Post von Karlheinz
Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte
Lesung und Autorengespräch für & mit Schüler*innen der Sekundarstufe II
19. November 2019 (11.00 bis ca. 13.15 Uhr)
Aula des Immanuel-Kant-Gymnasiums



So neu ist es nun wirklich nicht. Voltaire wusste es schon lange. Und Barack Obama weiß es natürlich auch.

Bereits 1765 schrieb Voltaire, dass jemand, dem es gelänge, Lügen wahr erscheinen zu lassen, letztlich auch in der Lage sei, seine Anhänger zu unvorstellbarem Unrecht anzustacheln. In diesem Sinne äußerte sich dann der frühere Präsident. Nach dem blutigen Anschlag in einem texanischen Supermarkt im August 2019 appellierte Obama an das Gute in allen Amerikanern, sich entschlossen, deutlich und unüberhörbar gegen jede Form diskriminierender, menschenverachtender, zu Gewalt aufrufender Sprache zur Wehr zu setzen. 

Hate speech – ganz offensichtlich ein zeitloses und globales Phänomen. Grenzen werden bewusst überschritten, humane Maßstäbe willkürlich verschoben. Aus Unrecht soll so „Recht“, aus Lüge „Wahrheit“, aus Worten Taten werden. Das geschieht überall. Auch in einer Demokratie, die Menschen- und Bürgerrechte in ihrem Grundgesetz schützen will. Artikel 1 erklärt unmissverständlich, „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. 

Wirklich??? Tagtäglich bekommt der Spiegel-Journalist Hasnain Kazim hasserfüllte Leserpost: anonyme Beschimpfungen, Beleidigungen und Drohungen. Da heißt es z. B. in Mikhails Mail aus dem Jahre 2016, „Man sollte Dich abschieben, mit einem Schlauchboot direkt aufs Mittelmer. Am besten mit einem Loch drin.“. Oder im September 2017, „Du hast in Türkei gelebt, Dreckskanake. Das weiß ich!!! Lüg nicht!!!! Deutschland den Deutschen!!!!!!“. Im gleichen Monat schreibt HermannTheGerman „ALLE ERSCHIEßEN!!!!!!!“.

Anfang der Neunzigerjahre kamen Briefe noch mit der Post. Da war Hasnain gerade mal 16 Jahre alt. Als Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer hatte er es gewagt, in einem Artikel der Schülerzeitung einen Bundestagsabgeordneten zu kritisieren. Der Abgeordnete glaubte, vor einer angeblich unmittelbar bevorstehenden Überfremdung Deutschlands durch Migranten eindringlich warnen zu müssen. Die sieben Briefschreiber verlangten ultimativ, er solle endlich „sein Maul halten“ und am besten „gleich nach Pakistan zurückziehen“. Ausländer hätten in Deutschland schließlich nichts zu suchen. Für sie  spielte es keine Rolle, dass Hasnain Kazim in einem niedersächsischen Dorf geboren und aufgewachsen war, dass er die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und in der Bundeswehr gedient hatte.

Aus den ersten sieben Briefen ist mittlerweile eine digitale Medienlawine geworden. Als Hasnain Kazim einen Kommentar im Spiegel über die Pegida-Bewegung verfasste, bekam er im Anschluss mehr als 10.000 Hassmails. Soziale Medien können sich eben unter dem Deckmantel der Anonymität leicht in Brandbeschleuniger verwandeln. Was tun? Den Hass verbieten? Strafanzeige stellen? Oder vielleicht doch: Hassmails als vermeintlicher Ausdruck von Meinungsfreiheit aushalten, ignorieren und wegklicken? Sich konsequent aus allen sozialen Medien zurückziehen? 

Hasnain Kazim entschied sich für einen eigenen Weg. Er wollte möglichst mit allen reden. Hass und Dumpfsinn wollte und will er nicht unbeantwortet lassen. So antwortete er einzelnen Briefschreibern und beschloss dann, diese Korrespondenz in seinem Buch „Post für Karlheinz“ (2018) zu veröffentlichen. Das Buch sollte Bewusstsein und Gegenöffentlichkeit schaffen.

Auf Mikhails Schlauchboot-Mail antwortete er so: „Hallo Mikhail. Danke für Ihr Interesse an meiner Arbeit. Es freut mich, dass meine Artikel Sie zum Nachdenken anregen, soweit es ihre Möglichkeiten zulassen. Zu Ihrer Beruhigung: ein „Abschieben direkt aufs Mittelmeer mit einem Schlauchboot“ ist nicht nötig. Ich fahre lieber mit meiner Motorjacht raus.“ Und an HermannTheGerman gerichtet schrieb er, „Dafür, dass Du dumm bist, kannst Du nichts. Aber dafür, dass Du Hass verbreitest und nicht bereit bist, Argumente anzuhören oder selbst welche vorzubringen, dafür bist nur Du verantwortlich“. 

Konsequente Haltung zeigen gegenüber Alltagsrassismus: Das IKG hat sich dieser Aufgabe von Anfang an gestellt. Es entspricht dem Selbstverständnis einer Schule, die 1995 die erste „Schule ohne Rassismus“ in Deutschland überhaupt war. Eine Schule, die regelmäßig Überlebende des Holocaust zu Vorträgen und Gesprächen an die Schule einlädt. Zuletzt Anfang November 2019. Eine Schule, die u. a. einen lebendigen und erfolgreichen Austausch mit einer Schule in Netanya (Israel) gestaltet. 

Die Freude war deshalb groß, als es gelang, Hasnain Kazim zu einer Lesung mit Publikumsgespräch nach Dortmund einzuladen. Es war ein Höhepunkt und Abschluss des 50-jährigen Schuljubiläums, das unter dem Motto „Gemeinsam in eine starke Zukunft“ stand. Die zweistündige Lesung fand am 19. November in der vollbesetzten Aula des IKG statt. Das Publikum war wahlweise amüsiert, schockiert und fassungslos, aber immer gebannt. In sehr konzentrierter Atmosphäre folgten alle dem Autor, der sich in seiner Begrüßung als „Kalif Kazim“ vorstellte und behauptete, er wolle auch an diesem Ort und heute morgen „die Islamisierung Deutschlands“ vorantreiben. Die ausgewählten Passagen aus „Post für Karlheinz“ verdeutlichten das eigentliche Ziel des Autors: im Alltag ein von wechselseitigem Respekt und gegenseitiger Wertschätzung geprägtes Miteinander zu befördern. Begegnung und Kommunikation in dieser Form und in diesem Ton zu betreiben.

Fragen und Antworten im Anschluss an die Lesung verdeutlichten, dass dieses Ziel erreicht und vielfach übertroffen worden war. Es fiel ein Satz eines Schülers, der aufhorchen ließ. Im Anschluss an die Lesung signierte der Autor sein Buch. Dabei sagte der Schüler, „Eigentlich lese ich überhaupt keine Bücher und – ganz ehrlich - habe auch noch nie eins gelesen. Aber Ihr Buch möchte ich haben und das werde ich auch lesen“. 

Jede Meinung aushalten? Hass verbieten? Oder doch eher Vielfalt leben, einander begegnen und besser kennenlernen – so wie es am 13. März 2015 anlässlich eines Festaktes am IKG formuliert wurde (20 Jahre Schule ohne Rassismus). Das ist der Weg in eine starke, eine bessere Zukunft.

Klaus-Peter Krause